Para-Rudern

Ohne Sicht, nach Gehör und mit Gefühl – Gemeinsam auf dem Weg

Text: Johann C. Haake

Bild: Paul, Mone, Simon, Roxi, Hannah Foto: Dietmar Kup

Seit Sommer 2020 trainieren im Karlsruher Rheinklub Alemannia acht hochgradig sehbehinderte und blinde Sportlerinnen und Sportler, sowohl als eigenes Team als auch inklusiv während des regulären Ruderbetriebs. Mit der Taufe der „Blind Date“ stellt der Ruderverein bereits im Februar 2021 ein erstes Boot in Dienst, das über besondere Eigenschaften für das Pararudern verfügt.

Das gegenseitige von- und miteinander Lernen steht nicht erst seit den Anfängen des Parasports im Ruderverein Alemannia ganz oben auf der Agenda. Doch zeigt sich gerade in diesem für den Verein noch recht neuen Bereich, welche Blüten es treiben kann: Auf der einen Seite acht ruderbegeisterte, sehbehinderte Sportlerinnen und Sportler, auf der anderen Seite ein Team aus Trainerinnen und Unterstützern, die diese unter ihre Fittiche nehmen und im Zuge dessen die hör- und fühlbaren Anteile der eigenen Sportart neu- bzw. wiederentdecken. „Wir lernen ganz viel von euch“ ist ein Satz, den sowohl Lernende als auch Lehrende im Sommer und Herbst 2020 immer wieder aussprechen und nach wenigen Wochen ist allen Beteiligten klar: Initiator Paul Gellert hat mit seinem Plädoyer für ein inklusives Sportangebot mehr als nur einen Nerv getroffen.

Paul, selbst sehbehindert, kümmert sich um die Organisation des Angebots. Bei Selbsthilfeorganisationen und Behindertenverbänden stellt er beflügelt von den eigenen positiven rudersportlichen Erfahrungen seine Idee vor. Seine Ruderkameradinnen und -kameraden begeistert er, sich in diesem neuen Bereich der Vereinsarbeit zu engagieren. Bald gewinnt er unter den jungen Erwachsenen und bei der Jugend Mitstreiterinnen und Mitstreiter. Sobald das Corona-Infektionsgeschehen dies zulässt, übernimmt er selbst den Großteil der Trainingseinheiten.


Bild: Mone und Hanna Foto:Paul Gellert

Und so legen während der Saison 2020 mindestens einmal wöchentlich mehrere Crews aus behinderten und nicht behinderten Ruderer*innen vom Steg der Alemannia ab. Einer der Sportler unterzieht sich und seinen neuen Verein gewissermaßen einem Inklusionshärtetest und nimmt am regulären Anfänger*innen-Kurs teil. Dabei wird nach einem Prinzip verfahren, das Trainer Wolfdietrich Jacobs wie folgt festlegt: „Ich gehe davon aus, dass du a) schreist, wenn irgendetwas für dich nicht passt, und es b) rechtzeitig tust.“ Fazit: Es wurde äußerst wenig geschrien.


Bild: Langstock und Fuß Foto:Dietmar Kup

Überhaupt sind die Ziele vielfältig: Die einen zieht es immer wieder zur Hafenpforte. Sie arbeiten daraufhin, in der kommenden Saison mehr als eine Stippvisite bei Vater Rhein zu absolvieren und „rheinfest“ zu werden, um an einer ersten Wanderfahrt teilzunehmen. Die „Jugend“ strebt Höherem entgegen. An Bord der „Überholverboot“ wird der Kurs in Richtung erster Regatta gesetzt.

Insbesondere durch die Aufgeschlossenheit und die Neugier der Vereinsmitglieder ist der Parasport innerhalb des Karlsruher Rheinklubs Alemannia geschwind in ruhige Fahrwasser gelangt. Allen Beteiligten ist dabei klar, dass es z. B. auf dem Weg aus der Bootshalle zum Steg und zurück noch einige Barrieren zu überwinden gilt. Ein erster Meilenstein in Sachen Barrierefreiheit ist die vom Vorstand in Windeseile realisierte und mit der Unterstützung zahlreicher Sponsoren gelungene Beschaffung eines Doppelzweiers, der für den Handicapsport besonders geeignet ist. Die „Blind Date“ bietet ihren Crews u. a. eine besondere Stabilität und damit sicheren Halt. Der tiefe Einstieg unterstützt insbesondere beim Ein- und Aussteigen. Im Bedarfsfall kann diesem Boot über sogenannte „Schwimmer“ zusätzliche Stabilität verliehen werden.


Video: Bootstaufe Para-Zweier (realisiert mit Unterstützung der Lechler Stiftung, des Lions Club Karlsruhe, der Stadt Karlsruhe sowie dem Badischen Sportbund)

Kontakt über unseren Sportvorsitzenden: Josef Gravenhorst