Als sich am 2. Oktober etwa zwei Dutzend Begeisterte von Karlsruhe nach Düsseldorf aufmachen, um am nächsten Tag beim Rheinmarathon zu starten,…
…da strecke ich einfach nur fünf Finger nach ihnen aus, ströme ruhig weiter und lass sie ziehen. Ich bin ja schon auf dem Weg. Schon lange – tagaus, tagein, jahraus, jahrein. Ach, länger, als ihr alle denken könnt, ziehe ich meine Bahn durch das Land – und die Menschen in Bann. Einst haben ein paar Verrückte einen sagenumwobenen Goldschatz in mir versenkt, sagt man. Tatsache: Jetzt machen sich wieder ein paar Verrückte auf, Gold im Sinn. Und es soll ihnen gelingen! Wer sich rhein dafür interessiert, grabe weiter unten in diesen Zeilen…
An Kilometer 695 herrscht freitags reges Treiben, die grüne Wiese wandelt sich: Ein bunter Bogen von Booten entsteht. Riggern, Basteln, Kleben – im straffen Wettlauf gegen die untergehende Sonne und den aufziehenden Tau.
Als ich am nächsten Morgen sanft erwache und den Nebel von mir abstreife, geht es los: Mit jedem Strahl, den mir die Sonne schickt, schickt mir der Marathon ein Boot: 170 werden es.
Diesmal müssen sie sich ihren Weg besonders aufmerksam bahnen: Ein zehrender Sommer hat seine Spuren hinterlassen und zwingt mich in die Reserve – schafft tiefe Einblicke, fördert längst Ungesehenes zutage. Macht es eng – oder rückt das Gold der Verrückten näher?
Während ich meinen Gästen alles biete, was an Tiefe und Strom noch da ist, kämpfen sie sich durch die legendären, gut 42 Kilometer: Ich sehe sie nach der Strömung schauen und folgen. Wo jahrelang Innenkurven lockten, folgen sie diesmal der Mitte, bleiben im Fluss, sehnen sich nach der Geschwindigkeit. Wissen, dass ich weniger mitgeben kann, dass es länger dauern wird, dass die Kräfte gut einzuteilen sind.
Wo sonst reges Treiben herrscht, die „Großen“ dahingleiten und die Bergfahrer sich mit tiefem Wummern gegen meine Fluten stemmen, da ist diesmal: Kaum was. Fast andächtig ströme ich dahin, in Größe, aber ohne „Große“. Nur manchmal schiebt sich eines voran, mit wenig Tiefgang, mit beinah sanften Bugwellen. Wo ist das Aufbäumen der Wellen, der Nervenkitzel des Rennens? Das wahre Drama liegt diesmal im Pegel – wer hinschaut, der sieht es.
Gestartet im strengen Takt fahren die Boote nun Richtung Düsseldorf. Wo alle vier Kilometer ein fester DLRG-Posten Position hält, schieben sich die kleinen Pfeile aneinander vorbei, mal vergrößert sich ein Abstand, mal schließt sich eine Lücke. Lasst euch nicht ablenken von den vielen kleinen Kajaks, die am sicheren, seichten Rand spielen und sich neugierig drehen und wenden.
Alle wollen sie voran, rollen, drehen, setzen, ziehen durch… Gemeinsam, mit Schub, mit Schweiß. Die Teams haben Kilometer 737,8 im Sinn, die Steuerleute im Blick. Nach 42,8 km, mit langem Atem, schmerzenden Gliedern und schreienden Steuerleuten, geht mit jedem Tuten ein Abenteuer zu Ende. Mit letzten Kräften verlassen mich meine Gäste, erheben sich von den Rollsitzen, bringen ihr Boot ins Trockene – und ich lass sie ziehen. In Richtung Riggerschlüssel und Hänger, Dusche und Wechselklamotten, Fischbrötchen und Kuchen. Und Alt.
Den sagenumwobenen Schatz habe ich bei mir behalten, aber Gold und Silber haben sie geholt, meine Karlsruher Heldinnen und Helden:
- GOLD (02:33:02 h) für Claudia, WD, Jörg und Regina mit Stm. Thomas bei 9 Booten im Rennen (Masters F) – als zweitschnellstes Mixed-Boot des gesamten Rennens
- GOLD (02:41:55 h) für Susann, Alex, Svanja und Antje mit Stf. Silvia bei 12 Booten im Rennen (Masters D) – als viertschnellstes Damenboot
- SILBER (02:36:15 h) für Mariarita, Ariane, Frédéric und Johannes mit Stf. Anke bei 6 Booten im Rennen (Masters B)
- SILBER (02:53:47 h) für Lena, Ivan, Mariia und Andrii mit Stm. Stephan bei 7 Booten im Rennen (Anfänger)
- SILBER (02:45:56 h) für Anna, Jenny, Linda und Jacqueline mit Stm. Manuel bei 4 Booten im Rennen (Frauen offene Klasse)
Der 3. Oktober neigt sich und wieder lass ich sie ziehen: Zurück zu den fünf Fingern im Hafen, die ich tagein, tagaus nach ihnen ausstrecke, während ich einfach weiterziehe. Kommt wieder, meine Verrückten, ins Abenteuer… RHEIN!
Bericht: Silvia Maile
Fotos: Detlev Seyb





















