Nachösterliches Ruderlager am Edersee


2. Juni 2026 / Wolfdietrich

Bereits zum zehnten Mal fand in der Woche nach Ostern das sechstägige Breitensport-Ruderlager des Landesruderverbands Baden-Württemberg statt. Seit 2017 versammeln sich dazu (fast) jährlich um die 20 Ruderinnen und Ruderer in der von allen Alltagssorgen abgeschiedenen Jugendherberge „Hohe Fahrt“ am Edersee im Hessischen.

Das Programm klingt bestechend einfach, birgt in sich aber ein unermessliches Universum: Die eigenen Ruderfertigkeiten in wechselnden Konstellationen trainieren und verfeinern. Außerdem gab es die Chance, Neues auf einem ruhigen Gewässer auszuprobieren. Das war für die einen eine erste begleitete Fahrt im Einer, für andere erste Trainingseinheiten im Riemenboot. Wem dies alles nicht genügte, die oder der übte sich in der kompakten Königinnen- und Königsklasse Zweier-ohne.

In diesem Jahr nahmen Mitglieder aus dem Weisenauer Ruderverein und dem Rheinklub Alemannia teil. Letzterer brachte für die unterschiedlichen Trainingsbedürfnisse Boote verschiedener Klassen mit. Für jede Teilnehmerin und jeden Teilnehmer war, das gebot schon die Jahreszeit, ein Gig-Boot-Platz verfügbar. Ansonsten lagen im Hof und am Hang vor der Jugendherberge ein kippsicherer Einer, eines der Paraboote der Alemannia, diverse Rennboote, vom Einer, über Doppelzweier und Zweier-ohne bis hin zum Rennvierer. Gerade die Klein- und Rennboote erfreuten sich in diesem Jahr großer Beliebtheit. Seit die Jugendherberge einen fest installierten, schwimmenden Steg ihr eigen nennt, ist das Ab- und Anlegen mit diesen Booten deutlich einfacher als früher.

Doch nicht nur die filigranen Rennboote stießen auf Interesse. Nach vorsichtiger erster Annäherung entwickelte sich bei dem einen oder der anderen sichtbare Riemen-Liebe.

Einige, die im letzten Jahr erst mit dem Rudern begonnen haben, waren direkt mit dabei. Viele Rudererinnen und Ruderer nahmen bereits zum wiederholten Mal teil. Sie erwartete eine landschaftliche Überraschung: Die Wiese, auf der in den Vorjahren die Boote lagerten, war verschwunden. Dafür hatte eine Rotte Wildschweine gesorgt, die bei ihrem Besuch ein grundlegend neues Landschaftskonzept in die Tat umgesetzt hatte. So führte der Weg zum Steg in diesem Jahr über einen steilen Erdpfad durch die inzwischen neu eingesäte Wiese. Mehr Unheil hatten die Tiere aber nicht angerichtet. Alle Holzhütten, die man mit maximal vier Personen bezog, standen noch. Und auch die berühmt berüchtigten hessischen Waschbären hatten das Feld nicht geräumt. An Tag drei wurde ein besonders neugieriges Exemplar auf frischer Tat ertappt, wie es den Mülleimer einer unserer Hütten durchforstete. Aug in Aug stand man sich plötzlich gegenüber. Vermutlich war es die Präsenz, Ruhe und Klarheit einer erfahrenen Schlagfrau, die das Tier nach kurzem Zögern von dannen ziehen ließ.

Ein typischer Tag im Ruderlager verläuft wie folgt:

Ab 7 Uhr in der Früh hält die Jugendherberge ein üppiges Frühstücksbuffet bereit. Um 9 Uhr ruft dann der See. Ein Ruf, dem wir in diesem Jahr bei durchgehend schönem Wetter ohne Nebel gerne folgten. Auch auf dem Edersee gilt: Was im Boot passiert, bleibt im Boot. Zwischen 11 Uhr und 11.30 Uhr kehren die Teams mal mehr, mal minder erschöpft zurück, um sich gegen 12 Uhr dem Mittagessen zu widmen. Der Jugendherbergskoch verfolgte schon im letzten Jahr die Ansätze: „vegan first“ und „no-gluten first“. Wer aber für sein Seelenheil – oder für was auch immer – ab und an ein Stück getötetes Tier braucht, auch deren und dessen Gaumen wurden auf das Beste verwöhnt. Danach verkrochen sich einige zum Mittagsschlaf in die Hütte, andere ließen bei Gesprächen im Sonnenschein die Seele baumeln, einige nutzen die Mittagszeit, um Teile ihres Sportabzeichens zu absolvieren. Auch diverse Knoten sollen von denen geübt worden sein, die am diesjährigen Obleutekurs teilnehmen. Um 15 Uhr ging es dann in neuer Konstellation zum zweiten Mal aufs Wasser. Fuhr man morgens gen Herzhausen, ging es nachmittags zum Kormoranbaum oder zur Sandbank (die keine ist). Rückkehr zwischen 17 Uhr und 17.30 Uhr. Danach wieder „ran an die veganen Bouletten“, auf jeden Fall eine zweite warme Mahlzeit inklusive Salat und Nachtisch. Am Abend traf man sich zum Spielen, Plauschen, oder zum Planen der nächsten gemeinsamen Events bei Bier, Wein oder Limo im Speiseraum oder Kaminzimmer. An den letzten beiden Abenden stand dabei Scrabble bei einigen Teilnehmenden hoch im Kurs und noch beim Säubern und einlagern der Boote in Karlsruhe am Samstagabend sann die ein oder der andere über verpasste Wortgelegenheiten und Punkte nach.

Trotz des durchgetakteten Tagesablaufs konnten sich alle auf stets neue Eindrücke und Erfahrungen gefasst machen. Dafür sorgten auch die ständig wechselnden Team-Zusammensetzungen. Dieser Einteilung nahmen sich zweimal täglich Frederic und Kollege Computer an. Zunächst wurden einem dafür extra geschaffenen Programm alle bekannten Wünsche mitgeteilt, z. B. wenn zwei Personen gemeinsam Zweier-ohne fahren wollten, jemand eine Einheit aussetzen wollte usw. usf., danach lieferte die Maschine dann einen ersten Vorschlag für die Bootseinteilung, bei dem es in der Regel nie blieb. Am Ende teilte Kollege Computer über Thermodrucker die Bootseinteilung mit, die allen Obleuten im Format eines Kassenbons ausgehändigt wurde.

Jede Menge neue Eindrücke und Erfahrungen sammelten auch diejenigen, die die Gelegenheit nutzten, ihre Fähigkeiten am Fußsteuer fortzuentwickeln. Das konnte sich im Ergebnis mehr als sehen lassen. Der Weg zu diesem Ergebnis führte durch Brückenpfeiler und -bögen und manche Stelle mit Gestrüpp auf dem kleinen Abschnitt der Eder, den wir noch befahren durften.

Durchbrochen wurde die tägliche Routine von einem rund 30 km umfassenden Ausflug zur Staumauer, der am Freitagmittag begann. Ein paar müde Kriegerinnen und Krieger entschieden sich – vermutlich weise – für Bücher statt Blasen, so dass drei Vierer gegen 14 Uhr in Richtung Osten in See stachen. Für ein Boot war leider aufgrund eines technischen Problems an der Rollschiene nach 3km Schluss. So ruderten zwei Boote, sich immer wieder treffend und parlierend, ihrem 30km-Wanderfahrt-Ruderglück entgegen.

Das diesjährige Ruderlager endete am Samstag erneut bei lachendem Himmel und strahlendem Sonnenschein. Nach einer kurzen letzten Ausfahrt gen Herzhausen konnten alle ihr Geschick am Riggerschlüssel, bei sportlichen Turnübungen inklusive teurem Material auf dem Bootshänger und beim manuellen Fahren eben dieses Hängers am Hang unter Beweis stellen. Zu protokollieren gibt es abschließend eine Gesamtkilometerzahl aller Teilnehmenden von 2868 km, bei einer Spitzen-Einzelleistung von 206 km eines einzelnen Teilnehmers.

Bericht von Anna Pia Benke und Anja Kulik

Fotos der Teilnehmer, ausgewählt von Johann Christoph Haake: