Das Oker-Aller-Weser-Abenteuer


31. Mai 2016 / Wolfdietrich Jacobs

Im Frühjahr fanden sich unter WDs Federführung fünf ambitionierte Ruderer unseres Vereins zusammen, die es sich zur Aufgabe gemacht hatten, die 225 km zwischen Braunschweig und Bremen im gesteuerten Vierer zu bezwingen. Trotz der Betitelung als Anfängerwanderfahrt war selbst den tatsächlichen Anfängern der Truppe von vornherein klar, dass es keine Kaffeefahrt werden würde. Dass es jedoch auf eine derart abenteuerliche Partie hinauslaufen würde, überraschte nicht zuletzt den Organisator selbst… 😉

Tag 1: Anreise nach Braunschweig (Bootshaus des Ruderklubs Normannia am MLK)

Da die Teilnehmer aus unterschiedlichen Richtungen anreisten, traf sich die Gruppe am Montagabend im Bootshaus des Braunschweiger Ruderklubs Normannia am Mittellandkanal. Bei einem Abendessen beim lokalen Griechen hatten Svanja, Katharina und WD schon die Gelegenheit Christiane vom Normannia kennenzulernen, die sich glücklicherweise bereit erklärt hatte, auf der letzten Etappe den Ruderplatz der schon vorzeitig abreisenden Svanja zu übernehmen. Zu späterer Stunde stießen dann auch Wolfgang und Henning hinzu, die in der Zwischenzeit den leeren Bootsanhänger zum Zielort, dem Ruderclub Hansa in Bremen, geschafft und mit dem Zug zurück nach Braunschweig gefahren waren.

Tag 2: Braunschweig – Hillerse (Rastplatz)

Nach einer Nacht im Kraftraum des Bootshauses und dem vorerst letztmaligen Luxus einer warmen Dusche brachen wir frisch gestärkt auf in unser Abenteuer. Die ersten vier schnurgeraden Kilometer auf dem großzügigen Mittellandkanal bis zum ersten Umtragen am Okerdüker gingen uns leicht von der Hand. Doch schon beim Einsetzen unseres Vierers+ in die wie ein Wiesen- und Weideflüsschen anmutende Oker schwante uns, dass nun andere Herausforderungen auf uns warteten. WD hatte vorsichtshalber zu diesem Zeitpunkt noch nicht erwähnt, dass die Oker auf diesem Abschnitt laut Wasserwanderatlas zum Teil sogar nur zur Kategorie „für Kanuten bedingt befahrbar“ gehörte. Mit vielen engen Kurven schlängelte sie sich durch die Auenlandschaft gen Norden – und wir mit ihr, soweit es die Kurvenradien unserem 11m-Boot erlaubten. Doch nicht nur diese sollten uns ein ums andere Mal zum Verhängnis werden. Im günstigsten Falle hieß das Kommando „Vorsicht – weiches Grün von oben!“ Andernfalls stießen wir entweder unter Fluchen des Steuermanns WD in die Uferböschung, saßen auf Sandbänken auf oder mussten uns unter Aufwendung aller Tricks und Kräfte aus umgestürzten Bäumen befreien, in die wir unfreiwillig von der schwer berechenbaren Strömung hineingetrieben worden sind – um nur eine kleine Auswahl an Schikanen zu erwähnen.

Nachdem wir am Wehr Rothemühlen den Ent- und Wiederbeladungsprozess unseres Bootes weiter optimiert hatten, erreichten wir die dritte Umtragestelle des Tages in Hillerse. Da wir Dank der vielen unerwarteten Hindernisse deutlich hinter dem veranschlagten Zeitplan lagen, entschieden wir uns dafür, die Etappe am Rastplatz von Hillerse wenige hundert Meter vor der für Ruderboote nicht passierbaren Stelle nach nur 17 Oker-Kilometern zu beenden und lieber mit neuem Mut am nächsten Tag weiterzurudern. Da selbst nach Zeltaufbau und Begutachtung von Ortschaft und Umtragestelle reichlich Zeit bis zum Abendessen blieb, zogen wir das Umsetzen des Bootes vor, was uns angesichts der nun endlich durchbrechenden Sonnenstrahlen und dem Zeitvorteil am folgenden Tag als durchaus sinnvoll erschien.

Das Abendessen wurde unter Mitwirkung aller aus den von Svanja und Wolfgang sorgfältig vorbereiteten Komponenten „zusammengebaut“ und genüsslich in der Abendsonne vertilgt. Wegen der doch empfindlich kühlen Temperaturen zu späterer Stunde musste die Doppelkopfrunde allerdings ausfallen und es trieb uns stattdessen recht bald in die warmen Schlafsäcke.

Tag 3: Hillerse – Celle (Vereinshaus des Celler Rudervereins)

Mit dem Elan, die am Vortag nicht geschafften Kilometer aufzuholen, klingelten die Wecker am Morgen bereits um halb 7. Nach Frühstück und Zeltabbau wurden alle Gepäckstücke nach und nach zur Einsatzstelle am anderen Ende von Hillerse getragen, wo unser Boot seit dem vorherigen Abend auf uns wartete. Vor uns lag eine anspruchsvolle Tagesetappe mit 21,5 Oker-Kilometern bis Müden und weiteren 26 Kilometern auf der Aller, die uns bis Celle führen sollten, gespickt mit drei Umtragestellen und zwei Staustufen mit Bootsgassen, die es allesamt in sich hatten.

Zur Erleichterung der schwachen Nerven hatten wir die letzten nur eingeschränkt ruderbaren Abschnitte unserer Wanderfahrt mit vergleichsweise geringen Unwegbarkeiten relativ schnell hinter uns. Am Okerwehr in Müden bereitete uns das Umsetzen jedoch einige Kopfschmerzen, da die Einsatzstelle zum einen nur über eine sehr steile Treppe zugänglich war und zum anderen das Tragen des Bootes um eine enge 90°-Kurve inklusive Brombeerhecken und Stacheldrahtzaun beinhaltete. Doch mit komplett entleertem Boot meisterten wir unter einigem Fluchen auch dieses Einsetzen und nachdem die überraschend überschaubare Wassermenge wieder aus dem Boot herausgeschöpft war, gönnten wir uns eine ausgedehnte Mittagspause in der Sonne.

Am Langlingener Wehr standen wir das erste Mal vor der Wahl Umtragen oder Treideln durch die Bootsgasse. Die Respekt einflößende Strömung und die sehr knappe Breite der Bootsgasse ließen uns dann jedoch Abstand nehmen von der durchaus komfortableren Umtragealternative. An der Bootsgasse der nächsten Staustufe wenige Kilometer flussabwärts, die sich objektiv betrachtet wahrscheinlich baulich nicht großartig von der vorherigen unterschied, waren wir (vor allem die Männer) um einiges wagemutiger. Kurzentschlossen nahm Wolfgang das beladene Boot an die Leine und ab ging die Abenteuerfahrt durch die Bootsgasse! Außer ein paar Kratzern an den Auslegern mussten glücklicherweise keine weiteren Blessuren eingesteckt werden.

Im Vergleich dazu war die letzte Umtragestelle vor Celle trotz recht steiler Böschung geradezu langweilig. Gegen 18 Uhr liefen wir sichtlich geschafft vom Tagespensum im Celler Ruderverein ein, erhielten unser Nachtlager in den Saunaräumen des Bootshauses und machten uns auf einen abendlichen Rundgang durch die wunderschöne Altstadt von Celle mit Abendessen.

Tag 4: Celle – Hodenhagen (Rastplatz)

Der vierte Tag sollte mit 59 Kilometern, einmal Umtragen und vier Schleusen einer der längsten werden. Das lag aber auch daran, dass wir uns nach der anstrengenden Etappe des Vortages ein bisschen mehr Schlaf gönnten. Außerdem starteten wir direkt mit dem ersten Umtragen auf der Stadtstrecke von Celle in den Tag und genehmigten uns nach einem Lebensmitteleinkauf samt frischer Brötchen und Croissants ein ausgedehntes Frühstück am Stadtstrand bevor wir uns kurz vor Mittag auf den weiten Weg machten.

Die Aller, die ab Celle offiziell Bundeswasserstraße ist, ließ sich von nun an einwandfrei rudern und gehörte dennoch bis auf vereinzelte Ausnahmen uns allein. Bei wunderbarem frühsommerlichen Wetter ruderten wir bei relativ geringer Strömung von einer Staustufe zur nächsten, die wir zu unserer Überraschung alle schleusen konnten – mal in Selbstbedienung, mal unter Einsatz des lokalen Schleusenwärters. Der war im Falle der letzten Schleuse des Tages in Hademstorf sogar so nett, dass er uns trotz vorgerückter Stunde schleuste, so dass wir unser Tagesziel, den Rastplatz von Hodenhagen noch erreichten. Ermüdet vom Tagespensum und dem Sprint zur letzten Schleuse schlugen wir unsere Zelte auf, Katharina eröffnete die Badesaison mit einer (sehr) kurzen Abkühlung in der Aller und dann machten wir uns mit knurrenden Mägen auf zum letzten Tagesordnungspunkt.

Tag 5: Hodenhagen – Verden (Vereinshaus des Verdener Rudervereins)

Von einem wunderschönen Sonnenaufgang frühzeitig aus dem Zelt gelockt, gab es von einer vereinzelten Frühaufsteherin zum Auftakt des vorletzten Rudertages zur Freude aller Kaffeetrinker  frisch gebrühten Coffee-to-go aus der örtlichen Backstube. Die vierte Tagesetappe wartete auf uns: die letzten 54 Kilometer auf der Aller, zur Abwechslung mal ganz ohne Umtragen oder Schleusen, und laut Wasserwanderatlas sogar mit einer durchaus wahrnehmbaren Strömung. Und genauso unspektakulär ruderten wir gen Verden, ohne besondere Vorkommnisse, außer der anhaltenden hitzigen Diskussion um die richtige Lastverteilung im Boot und die Frage, ob wir nun nach Steuerbord oder Backbord hingen…

Der Himmel hatte sich im Laufe des Tages ziemlich eingetrübt, so dass nach der Mittagspause sogar Wind- und Regenjacken ausgepackt werden mussten. Das Wetter beruhigte sich jedoch recht schnell und schon in den Abendstunden war wieder alles gut.

In Verden angekommen, wurden wir sehr herzlich vom Rudervereinsvorsitzenden empfangen – sogar eine Flasche Schampus hätte er für uns geöffnet, wenn wir uns nicht so geziert hätten. Stattdessen nahmen wir dankend den großzügigen Aufenthaltsraum des Vereins in Beschlag und machten uns nach der obligatorischen Dusche auf den Weg Richtung Innenstadt. Zur Feier von Svanjas letztem Abend wurden zu späterer Stunde sogar endlich mal die Doppelkopfkarten ausgepackt und Henning entpuppte sich als tüchtiger Lehrling.

Tag 6: Verden – Bremen (Vereinshaus des Bremer Ruderclubs Hansa)

Pünktlich um 9 Uhr kam Christiane in WDs Flitzer am Bootshaus vorgefahren. Nun hieß es Abschied nehmen von Svanja und Aufbruch in den letzten Tag auf dem Wasser, genauer gesagt, auf der Weser, von Verden bis zur Hansestadt Bremen. Ganze 46 Kilometer lagen noch vor uns, mit dem ersten Hindernis an der Staustufe von Langwedel. Beim Umtragen der guten 100 m unterstützte uns dort eine Gleislore, mit Hilfe derer wir das beladene Boot recht komfortabel, wenn auch unter Aufwendung einiger Kraft, aus dem Wasser heraus und auf der anderen Seite wieder ins Wasser hinein ablassen konnten. Auch wenn die Weser in diesem Bereich im Vergleich zum alternativen Schleusenkanal ein Umweg war, war sie landschaftlich und technisch deutlich reizvoller. Bei wunderbarem Sonnenschein und sommerlichen Temperaturen suchten wir uns für die Mittagspause eine der vielen Sandbuchten am Ufer der Weser aus und ließen es uns gut gehen. Dass wir uns unterhalb einer Bullenweide („Lebensgefahr!“) niedergelassen hatten, fiel uns glücklicherweise erst kurz vor Abfahrt auf.

Die gelegentlichen spitzen Kommentare zu verbesserungswürdigen Ruderstilen der Vortage wichen am letzten Tag heiterer Geschwätzigkeit. Ob das am ebenso heiteren Wetter, dem nahenden Ziel oder der frischen Portion Weiblichkeit an Bord lag, darf offen bleiben… 😉

Je weiter wir uns dem Einzugsbereich von Bremen näherten, umso penetranter wurde die Belästigung durch unaufmerksame Motorboote, die uns mit ihrem Wellenschlag immer wieder zum Halten und Stabilisieren zwangen. Kurz vor Ende passierten wir die Weserschleuse, die mit ihrem Drehsegmenttor das Herz der Wasserbauingeneuse höher schlagen ließ. Geradezu entzückt von der Imposanz des Bremer Fußballstadions wurde für Christiane auf selbiger Höhe eine extra Fotopause eingelegt, bevor wir kurz darauf in unser Ziel, den Bremer Ruderclub Hansa, einliefen.

Den Abend verbrachten wir wie gewöhnlich nach Einrichtung unseres Nachtlagers im Kraftraum des Rudervereins und der Verladung unseres Bootes gemeinsam in der Stadt. Nach einem kurzen Stadtrundgang mit Besichtigung der wichtigsten Sehenswürdigkeiten suchten wir uns eine Kneipe auf der sommerlich belebten Schlachte am Weserufer und verfolgten nebenbei anhand der Jubel- und Enttäuschungsäußerungen der Tischnachbarn das DFB-Pokalfinale.

So ging die diesjährige Anfängerwanderfahrt ihrem Ende entgegen. Am darauffolgenden Tag brachen wir relativ früh unser Lager ab, in der Hoffnung möglichst ohne große Probleme nach Karlsruhe durchzukommen.

Auch wenn gerade am ersten Tag der Zweifel so Manchem im Gesicht geschrieben stand, so hat sich diese Wanderfahrt als wahres Abenteuer mit großem Spaßfaktor entpuppt. Es war ein ganz tolles Erlebnis, aus dessen Herausforderungen nicht nur die Anfänger lernen konnten. Ein riesengroßes Dankeschön an die perfekte Organisation von WD und die anderen im Kleinen und Großen wirkenden Helferlein!

Bericht von Katharina Bergholz; Fotos von Wolfgang Gosda und Mannschaft